Photoshop, Lightroom und Premiere – nachgebaut von KI
Hinter dem Projekt steht ArtCraft, ein Team, das eigentlich KI-Werkzeuge für Bild und Video entwickelt. Unter dem Namen „Crafting Apps“ hat es die bekannten Programme von Grund auf neu geschrieben: kostenlos, als Open Source – der Programmcode ist also für jeden offen einsehbar – und für Mac, Windows und Linux. Menüs, Werkzeuge und Tastenkürzel orientieren sich bewusst an den Originalen. Wer Photoshop kennt, findet sich sofort zurecht.
Dazu kommen Programme für Textverarbeitung, Präsentationen, Tabellen, technisches Zeichnen und Audio. Alle Apps findest du gesammelt auf der Seite von ArtCraft.
Die KI hat den Großteil geschrieben. Das berichtet Phoronix, eine bekannte englischsprachige Fachseite für Software und Technik. Demnach stammen die Programme überwiegend von KI-Agenten wie Claude Code. Und weil die KI so schnell arbeitet, gab es schon nach wenigen Tagen mehrere neue Versionen.
Erstaunlich weit für eine Woche. PhotoCraft, das Gegenstück zu Photoshop, öffnet und speichert echte PSD-Dateien samt Ebenen. In einem Test von ArtCraft blieben 134 von 135 Dateien nach dem Öffnen und Speichern unverändert. Das berichtet GIGAZINE, ein großes japanisches Technikmagazin. Das Gegenstück zu InDesign erstellt sogar schon druckfertige PDFs mit Beschnitt und Sonderfarben.
Natürlich ist noch nicht alles fertig. Manche Funktionen und Tastenkürzel fehlen noch, die meisten Apps tragen das Label „in Entwicklung“. Kein Wunder: Sie sind erst seit einer Woche öffentlich und werden laufend weiterentwickelt. Für Kundenprojekte würde ich heute noch beim Original bleiben – ein Blick lohnt sich aber jetzt schon.
Die rechtliche Frage bleibt offen: ArtCraft betont, keinen fremden Code verwendet, sondern alles neu geschrieben zu haben. Ob Adobe das hinnimmt, wird sich zeigen.
Was das für uns Kreative bedeutet
Meine Einschätzung lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Werkzeuge werden billig, Urteilskraft wird wertvoll. Wenn Software, an der früher Hunderte Entwickler jahrelang gearbeitet haben, plötzlich als Gratis-Alternative entsteht, verliert das Werkzeug an Wert. Was bleibt, ist das, was kein Programm liefern kann.
Das Abo ist nicht mehr die Eintrittskarte. Lange hat auch die teure Software mitentschieden, wer professionell gestalten kann. Fällt diese Hürde, drängen mehr Menschen auf den Markt – auch Laien, die sich von KI helfen lassen. Der Wettbewerb wird breiter.
Bald klickt nicht mehr nur der Mensch. Die neuen Programme sind von Anfang an so gebaut, dass KI-Agenten jede Funktion selbst ausführen können. Freisteller, Formatanpassungen oder Serienexporte erledigt dann ein Agent auf Zuruf.
Gefragt ist, was davor und danach passiert. Eine KI kann ein Layout bauen. Aber sie spürt im Gespräch nicht, was ein Kunde eigentlich braucht. Sie lässt sich nicht auf ein Shooting ein und übernimmt keine Verantwortung für eine Marke. Zuhören, Haltung, Geschmack und Vertrauen werden zum eigentlichen Produkt.
Wer KI klug einsetzt, gewinnt Zeit. Die Frage ist längst nicht mehr, ob wir KI nutzen, sondern wofür. Ich selbst arbeite inzwischen mit KI-Agenten, um Routinearbeit abzugeben und mehr Zeit für die Menschen hinter den Projekten zu haben.
Drei Dinge, die du jetzt tun kannst:
- Probier eine der freien Apps an einem privaten Projekt aus, nicht gleich an einem Kundenauftrag.
- Schreib auf, welche drei Arbeitsschritte dich am meisten Zeit kosten. Das sind deine ersten Kandidaten für KI.
- Mach dir klar, wofür dich deine Kunden wirklich buchen. Genau das ist der Teil, den keine Software nachbaut.
Ein Blick in die Glaskugel
Vorweg: Niemand kann die Zukunft vorhersagen. Deshalb trenne ich hier zwischen dem, was schon passiert, und dem, was meine Fantasie daraus macht.
Was schon passiert – und leicht übersehen wird
- KI-Bilder müssen gekennzeichnet werden. Seit dem 2. August 2026 gilt in der EU eine neue Regel aus dem europäischen KI-Gesetz: Täuschend echte KI-Bilder, -Videos und -Stimmen müssen als solche erkennbar sein. Wer für Kunden mit KI-Bildern arbeitet, sollte das ab sofort im Blick haben.
- Auch andere Profi-Programme öffnen sich für KI. Die bekannte Videosoftware DaVinci Resolve lässt sich inzwischen direkt mit KI-Assistenten wie Claude oder ChatGPT verbinden.
- ArtCraft macht weiter. Als Nächstes plant das Team Gegenstücke zu Microsoft Office und zu Profi-Programmen für Konstruktion und technisches Zeichnen.
Meine Glaskugel – bewusst als Gedankenspiel
- Software nach Maß. Wenn ganze Programme in kürzester Zeit entstehen, lassen sich Unternehmen vielleicht bald ihr eigenes kleines Werkzeug bauen – passgenau statt Standard-Abo.
- Die Agentur aus einer Person. Ein Kreativer mit einer Handvoll KI-Agenten könnte leisten, wofür heute ein kleines Team nötig ist. Umso wichtiger würden Netzwerk und persönliche Beziehungen.
- „Echt fotografiert“ als Gütesiegel. Wenn KI-Bilder gekennzeichnet werden müssen, könnte echte Fotografie mit echten Menschen zum Zeichen von Vertrauen werden.
- Der eigene Stil als Kapital. Wer eine unverwechselbare Handschrift hat, könnte sie künftig gezielt schützen, lizenzieren oder mit eigenen KI-Werkzeugen vervielfältigen.
- Websites, die auch Maschinen verstehen. Immer mehr Menschen fragen eine KI statt Google. Eine Website muss deshalb auch für KI verständlich sein – sonst wird sie schlicht nicht empfohlen.
Der Wettlauf der Staaten
- USA: Präsident Trump hat Anfang Oktober 2026 eine eigene Regierungseinheit für KI gegründet. Ihr erklärtes Ziel: Amerika soll bei künstlicher Intelligenz weltweit führend bleiben.
- Kontrolle über KI selbst: Im Juni 2026 hat die US-Regierung zum ersten Mal nicht nur Computerchips, sondern ein KI-Modell selbst mit Exportbeschränkungen belegt – und diese später wieder aufgehoben.
- China: Fast zur selben Zeit haben chinesische Firmen leistungsstarke KI-Modelle frei zugänglich veröffentlicht. Die Idee dahinter: Wer seine Technik verschenkt, gewinnt weltweit Nutzer und Einfluss.
- Europa: Die EU setzt vor allem auf Regeln – etwa die Kennzeichnungspflicht, die ich oben beschrieben habe.
Knechten oder dienen? KI, Weltanschauungen und Religionen
KI wirkt wie ein Verstärker: Sie macht mächtiger, wer sie nutzt – im Guten wie im Schlechten. Ob sie uns knechtet oder dient, entscheidet deshalb weniger die Technik als die Menschen und Regeln dahinter.
Wo KI dienen kann: Wissen und Werkzeuge, die bisher teuer waren, werden für viele erreichbar. Die nachgebauten Programme sind dafür ein gutes Beispiel – Profi-Software, kostenlos, auf dem eigenen Rechner.
Wo KI gefährlich werden kann: Täuschend echte Bilder und Stimmen können Meinungen lenken. Wer die stärksten Systeme kontrolliert, kann beeinflussen, welche Informationen wir zu sehen bekommen. Und Automatisierung kann Menschen ihre Arbeit und ihr Können entwerten.
Auch die Religionen melden sich zu Wort. Papst Leo XIV. hat im Mai 2026 ein ausführliches Lehrschreiben zur künstlichen Intelligenz veröffentlicht. Seine Kernbotschaft: Der Mensch muss immer Vorrang vor der Technik haben. Er warnt unter anderem vor manipulierten Bildern und davor, dass Menschen durch Automatisierung ihre Fähigkeiten verlieren. Bemerkenswert: Auch die neue KI-Einheit der US-Regierung soll ausdrücklich den Austausch mit Religionsgemeinschaften suchen.
Ein Gedankenspiel: Ich glaube nicht, dass KI Religionen oder Weltanschauungen abschaffen wird. Wahrscheinlicher ist, dass sie – wie jedes Massenmedium vor ihr – in alle Richtungen genutzt wird: von denen, die spalten wollen, ebenso wie von denen, die Verständigung suchen, etwa durch Übersetzung in Echtzeit zwischen Sprachen und Kulturen. Mich beschäftigt die Frage, ob die gemeinsame Sorge um die Würde des Menschen am Ende sogar Brücken bauen kann – zwischen Weltanschauungen, die sich sonst eher bekämpfen.
Was mich daran als Kreative besonders berührt: Gerade unsere Arbeit – Bilder, Geschichten, Gestaltung – prägt, was Menschen für wahr halten. Damit tragen wir in dieser Zeit eine besondere Verantwortung.
Fazit: Staunen, ausprobieren, Haltung zeigen
Dass KI-Agenten innerhalb einer Woche nachbauen, woran früher ganze Teams jahrelang gearbeitet haben, ist ein echter Einschnitt. Die Werkzeuge werden günstiger und für jeden zugänglich. Was uns Kreative ausmacht, verliert dadurch nicht an Bedeutung – es wird sichtbarer: unser Blick, unser Gespür für Menschen und unsere Verantwortung für das, was wir in die Welt bringen.
Mein Vorschlag: Lass uns staunen, ausprobieren – und dabei wach bleiben.
Wie siehst du das? Nutzt du KI schon in deiner kreativen Arbeit, oder macht dir die Entwicklung eher Sorgen? Schreib es mir gern oder melde dich direkt bei mir.
Quellen
- ArtCraft – Crafting Apps
- Notebookcheck, 8.10.2026: Rust-Entwickler baut mit KI-Hilfe Adobe-Suite als Open Source nach
- PC Games Hardware: Adobe-Programme mit KI nachgebaut
- Trending Topics: KI-Klone greifen Adobe und Microsoft an
- Designbote: Adobe KI Alternative ArtCraft
- t3n: US-Regierung stoppt neueste KI-Modelle von Anthropic


